
Die Bedeutung der naturnahen Beweidung für die Biodiversität
1. Zur richtigen Einordnung der hohen Bedeutung von extensiver Beweidung für den Erhalt der Artenvielfalt, zunächst ein kleiner Ausflug in die Entwicklungsgeschichte der Biodiversität
Megaherbivoren wie Mammuts, Elefanten, Nashörner, Riesenhirsche und Wisente waren in Urzeiten die großen Landschaftsformer. Diese großen Pflanzenfresser waren von Anfang an Weggefährten für die meisten Insekten, Amphibien und Vögel.
Nach dem Aussterben, der Ausrottung und Verdrängung fast aller wilden Megaherbivoren, übernahmen in Mitteleuropa mit der Einführung von Ackerbau und Viehzucht vor etwa 8000 Jahren domestizierte Weidetiere die Ausgestaltung der Kulturlandschaft und ihrer Vegetation.
Der überwiegende Teil unseres Landes waren bis weit ins 19. Jahrhundert hinein ausgedehnte Weidelandschaften, die in Form der sogenannten Allmende oder Gemeinheiten genutzt wurden.
In der Folge war um das Jahr 1800 der Zeitpunkt der höchsten Artenvielfalt in Mitteleuropa.
Diese gemeinsame Entwicklung hat sich tief in die DNA vieler Vogel- Insekten- Reptilien- und Amphibienarten eingeschrieben. Man kann daher sagen, dass ein beträchtlicher Teil der heimischen Vogelarten „Weidevögel“, das heißt, eng mit Weidetieren assoziiert sind.
2. Die Auswirkungen der „modernen“ Grünlandbewirtschaftung auf die Biodiversität
Mit der allmählichen Aufgabe der „ungeregelten Beweidung“ und der Einführung von ganzjähriger Stallfütterung bzw. einzelbetrieblicher Intensiv-Weidewirtschaft im 18. und 19. Jahrhundert setzte der Niedergang der Artenvielfalt ein und hat sich durch die Intensivierung der Landwirtschaft in den letzten hundert und verstärkt in den letzten 50 Jahren zu einer rasanten Talfahrt beschleunigt. Eine entscheidende Rolle bei dieser negativen Entwicklung spielen der starke Rückgang der naturnahen Weidewirtschaft, die hohe Schnittzahl in Verbindung mit der verstärkten Düngung und die durch technische Innovationen hohe Schlagkraft der heutigen Mähtechnik.
Die Mahd von Schlägen in einer Größenordnung von 20 bis 30 ha in nur wenigen Stunden vernichtet nicht nur eine große Zahl an adulten Insekten, sondern räumt auch eine ganze Generation von Nachkommen ab. Zudem wird bei jeder Mahd großflächig das Nahrungsangebot für Insekten in Form von Blüten und Gräsern entnommen. Wetterbedingt mähen die meisten Bauern zum gleichen Zeitpunkt, sodass den Insekten in nur wenigen Tagen über ganze Landstriche hinweg die Nahrungs- und Fortpfanzungsgrundlage entzogen wird. Bedenkt man, dass Insekten die Basis der Nahrungspyramide bilden, werden die negativen Auswirkungen dieser intensiven Bewirtschaftung deutlich. Dieser für die Artenvielfalt desaströse Prozess, wiederholt sich bis zu sieben Mal pro Jahr.
Vor diesem Hintergrund muss man bei modernem Grünland von einer „grünen Wüste“ sprechen.
3. Der Lebensraumtyp naturnahe Weide
Der Lebensraumtyp „naturnahe Weide“ hingegen, zeichnet sich durch intakte Nahrungsnetze, hohe Strukturvielfalt, ein feinkörniges Mosaik von Grenzlinien und ein durchgehendes Blütenangebot aus.
Die entscheidenden Erfolgsfaktoren sind die Besatzstärke und Besatzdichte mit Weidetieren:
die Besatzstärke (Anzahl der Tiere auf einer definierte Fläche während der ganzen Weidesaison) sollte je nach Wüchsigkeit zwischen 0,3 bis 0,8 GV/ha und Jahr liegen.
Die Besatzdichte (Anzahl der Tiere bei Koppelbeweidung oder Portionsweide auf einer Teilfläche derselben Weide) sollte im Idealfall identisch mit der Besatzstärke sein (Standweide) oder durch möglichst großflächige Flächenzuteilung (Koppeleinteilung) weiträumige Fress- und Bewegungsmuster der Weidetiere zulassen.
Das Credo lautet: gering invasiv und hochfrequent. Das heißt, die für das ganze Jahr angepasste Anzahl von Weidetieren (0,3 – 0,8 GV/ha – gering invasiv) bewegt sich immer wieder (hochfrequent) über die ganze Fläche und schafft durch die Selektion von Gräsern, Blütenpflanzen und Gehölzen ein stark strukturiertes Mosaik von kurzrasigen Wärmeinseln und in direkter Nachbarschaft, überständigem Altgras.
Die Wärmeinseln dienen den Insekten zur Energieaufnahme (für wärmeliebende Arten lebenswichtig). Das Altgras dagegen ist kühler und feuchter Rückzugsort und bietet vielen Insekten durch die verholzten Röhren der Gräser die Möglichkeit der Eiablage. Gleichzeitig erleichtern die kurzrasigen Weideelemente den Brutvögeln die Aufnahme von Insekten für ihre Nestlinge.
Ebenso wichtig wie der Strukturreichtum sind die gleichmäßig und regelmäßig (hochfrequent) über die ganze Fläche verteilten Dunghäufen der (großen) Weidetiere.
Durch seine überaus hohe Zahl an Nahrungsgästen (Dungkäfer usw.) kurbelt Dung Nahrungsketten an. Brutvögel sind während der energie -und eiweißintensiven Aufzucht der Nestlinge in hohem Maß auf diese Nahrungsquelle angewiesen. Sie sollte daher möglichst in unmittelbarer Nähe der Nester zur Verfügung stehen. Die direkte Nähe gewährleistet – vor allem bei schlechtem Wetter - eine nur kurzfristige Unterbrechung der lebenswichtigen Brutwärme und während der Aufzucht das ständige Sichern der Brut vor Fressfeinden durch die Altvögel.
Zu beachten ist aber, dass Antiparasitika (Entwurmungsmittel) das „Mikrobiotop“ Dung zu einer Falle für viele Insekten verwandeln können. Antiparasitika sind per Definition Pestizide und wirken daher auf viele Insekten tödlich. Die wertvolle Nahrungsquelle Dung wird durch die Kontamination mit Antiparasitika nicht nur entwertet, sondern kann sogar zu einem für manche Arten erhöhten Lockeffekt führen, was angesichts der festgestellten Toxizität besonders problematisch ist.
Die häufig letale Wirkung von Antiparasitika auf Dunginsekten durch tendenziell übermäßigen Einsatz, lässt nach Meinung vieler Experten, auf einen nicht unwesentlichen Beitrag zum allgemeinen Insektensterben schließen!
In der naturnahen Beweidung sollte daher, soweit es das Tierwohl zulässt, auf Antiparasitika ganz verzichtet, bzw. eine unumgängliche Behandlung nur nach klinischem Befund und nach Möglichkeit im Stall durchgeführt werden, mit einer entsprechenden Wartezeit vor dem erneuten Weidegang.
Geeignete Bruthabitate liegen am Boden (Lerche, Pieper, Kiebitz usw.) oder in Bodennähe in oder um niedrige Gehölze und Säume - die meisten (Weide) Vögel nisten in 35 cm Höhe – diese bieten Nistplätze, Deckungsmöglichkeiten und Witterungsschutz. Die durch Weidetiere befressenen Gehölze (vor allem Dornengehölze) verdichten sich durch das Nachschieben von Seitentrieben zu idealen, für Prädatoren (Fressfeinde) undurchdringlichen Niststandorten (der sogenannte Kuhbusch).
Weidevögel werden bei der Suche nach einem geeigneten Brutrevier indirekt über günstige Strukturen und direkt über die Bewegungsmuster der anwesenden Weidetiere gelenkt. Dieses Verhalten ist durch die evolutionäre Assoziation mit Weidetieren in die DNA der Vögel eingeschrieben (siehe oben „Entwicklungsgeschichte der Biodiversität“).
Bei einer naturnahen Standweide sind beide Voraussetzungen gegeben: extensiv resistente Neststrukturen (Nischen) durch stark selektives Fressverhalten und schon im Frühjahr erkennbare Bewegungsmuster der Weidetiere.
Bei kleinteiliger Koppel- oder Portionsweide hingegen fehlen diese notwendigen Lebensraumrequisiten bzw. konstante Bewegungsmuster der Weidetiere sind für die Vögel nicht einschätzbar.
Ein weiteres wichtiges Strukturelement für den Lebensraumtyp „naturnahe Weide“ sind offene Bodenstellen (Stichwort „Störungsökologie“). Durch den Tritt der schweren Weidetiere und die Aktivitäten von z.B. Jungziegen wird, gerne an steilen Böschungen, Boden offen gelegt. Diese Offenstellen werden von Sandlaufkäfern, Ameisen, Solitärbienen und -wespen, Eidechsen usw. besiedelt.
Zusammenfassend lässt sich sagen: naturnahe extensive Beweidung schafft hochkomplexe Lebensräume für einen Großteil unserer heimischen Fauna und Flora, dient der artgerechten Haltung unserer pflanzenfressenden Nutztiere und begünstigt eine strukturreiche und kleinteilige Kulturlandschaft.
Auch in der modernen Grünlandbewirtschaftung ließen sich auf fast jedem Betrieb durch die extensive Beweidung von weniger ertragsstarken Teilflächen wertvolle Lebensraumtypen schaffen.
Betrachtet man diese Möglichkeit über alle landwirtschaftlichen Betriebe einer Region hinweg, so könnte über diese Nutzungsform ein weitläufiges Verbundsystem von Vernetzungs- und Trittsteinstrukturen etabliert werden – eine erster und erfolgversprechender Schritt hin zu mehr Biodiversität in unserer Kulturlandschaft.
Oliver Post, Landschaftspflegehof Adelegg – Kreuzthal Juni 2025
Quellen: Dr. Sepp Bauer, Dr. Alois Kapfer, Markus Handschuh, Prof. Dr. Rainer Luick u. andere

